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"Leben mit dem schwarzen Winkel" (ND, 31.5.2008)

Das Museum Lichtenberg widmet vergessenen Opfern des Nationalsozialismus eine Ausstellung

Bis heute erinnert kein Mahnmal an jene, die von den Nationalsozialisten als "asozial" bezeichnet und ins Lager gesteckt wurden, wo sie einen schwarzen Winkel auf der Jacke tragen mussten. Wohnungslose und Wanderer waren darunter, aber auch Alleinerziehende mit Kindern von verschiedenen Vätern oder einfach solche, die nicht immer pünktlich zur Arbeit erschienen.

Ihnen allen wurde ein "liederlicher Lebenswandel" vorgeworfen. Bei den Männern war das, nach Nazi-Definition, auf die berufliche Tätigkeit bezogen, bei den Frauen aufs Sozialverhalten. Die meisten starben im KZ, und "die wenigen Überlebenden waren nach ihrer Befreiung noch immer aus der Gesellschaft ausgestoßen", sagt Lothar Eberhardt vom "Arbeitskreis Marginalisierte gestern und heute". "Sie besaßen keine Lobby, niemanden, der für sie sprach." Dadurch blieb ihr Schicksal bis heute vielen unbekannt.

Einschneidend für diese Ausgestoßenen war ein Erlass von Heinrich Himmler vom 26. Januar 1938, der das "Problem" mit den sogenannten Asozialen lösen wollte, indem er als Polizeichef anwies, alle Bettler in Konzentrationslager einzuweisen. Es folgten mehrere Verhaftungswellen, die als Aktion "Arbeitsscheu Reich" in die Geschichte eingingen. An diese Deportationen vor 70 Jahren erinnert das Museum Lichtenberg mit einer Ausstellung über Wohnungslose im Nationalsozialismus. Der "Arbeitskreis Marginalisierte" begleitet die Exposition mit einer Veranstaltungsreihe.

Lichtenberg sei mit Bedacht als Ort für die Wanderausstellung gewählt, erklärt Lothar Eberhardt, denn an der Rummelsburger Bucht befand sich das Arbeitshaus, eine 1897 erbaute Anstalt für Wohnungslose. "Ursprünglich war das Arbeitshaus als Ort der Resozialisierung gedacht und gar nicht als Gefängnis konzipiert", sagt Museumsleiterin Christine Steer. Doch eine ständige Überbelegung führte schnell zu gefängnisartigen Verhältnissen. Das NS-Regime nutzte die Anstalt schließlich zur zeitlich unbegrenzten Vorbeugehaft und schickte die Inhaftierten zur Zwangsarbeit in die benachbarten IG-Farben-Werke.

Am 13. Juni, dem Jahrestag einer der letzten Verhaftungswellen von 1938, gedenkt der "Arbeitskreis Marginalisierte" auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitshauses dieser Opfer der Zwangsherrschaft, die, sofern sie die Haft überlebten, nicht für ihr Leid entschädigt worden seien, weiß Lothar Eberhardt. "Viele wurden sterilisiert, weil die Nazis ihre Lebensweise für vererbbar hielten." Erst in den 1980er Jahren habe es nach einer Gesetzesänderung vereinzelt Entschädigungszahlungen gegeben.

In zwei Jahren plant das Museum Lichtenberg eine Ausstellung über das Arbeitshaus Rummelsburg. Eine historische Spurensuche gestalte sich jedoch schwierig, erzählt Christine Steer. Auf dem Gelände werden derzeit die alten Backsteinhäuser in luxuriöse Appartements umgebaut – ein Projekt namens BerlinCampus, das offensichtlich mit der Gefängnis-Geschichte abschließen möchte. Aber auf dem Gelände gebe es ohnehin kaum Hinweise auf die Vergangenheit, klagt die Historikerin Steer. "Wir wissen kaum, wer hier inhaftiert war, geschweige denn, wer hier starb. Nicht einmal der Friedhof am Rande des Areals ist als Begräbnisstätte ausgewiesen."

Autor:
Stefan Otto

Quelle:
Neues Deutschland, 31.5.2008

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