Streifzug auf den Spuren Berliner Asyle im 19. und 20. Jahrhundert
Obwohl Berlin Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Problem Obdachlosigkeit zu kämpfen hatte sind die meisten Spuren der damaligen Hilfsangebote im öffentlichen Bewusstsein verblasst. Durch Privatisierung historischer Bebauungen und der Tatsache, das es sich bei dem betroffenen Personenkreis um gesellschaftlich Marginalisierte handelt, findet heutige Erinnerung nur auf Grund privatem Engagement statt.
Mit zunehmender Industrialisierung der Städte und der damit einhergehenden Zuwanderung wurde Wohnungslosigkeit im 19. Jahrhundert zu einem strukturelles Problem. Die zumeist unqualifizierten Zugewanderten konnten häufig selbst für die einfachste Unterkunft kein Geld aufbringen. Ein quantitatives Ausmaß erreichte das Problem Obdachlosigkeit, als die Städte mit Bau- und Mietspekulationen ihre eigenen Obdachlosen zu produzieren begannen und Wohnraumneubauten den Zustrom an Zuwandernden nicht mehr auffangen konnte.
Mehr als andere deutsche Städte war Berlin zu dieser Zeit von der Umstrukturierung und dessen Folgen geprägt. Neuankömmlinge und Gestrandete, aber auch ganze Familien, die an den sogenannten Ziehtagen aufgrund des Endes ihrer befristeten Mietverträge ihre Wohnungen verloren, hatten die Wahl, sich kurzfristig eine neue Bleibe zu suchen oder vorübergehend die Obdachlosenhilfe diverser karitative, liberaler oder städtischer Einrichtungen in Anspruch zu nehmen.
Ein modernes Asyl für über 1000 Hilfesuchende
Einen besonders guten Ruf unter den Obdachlosen genossen die Asyle des Berliner-Asyl-Vereins, der 1896 auf einem über 4.000 qm großem Gelände an der Weddinger Wiesenstraße ein modern ausgestattetes Asyl für bis zu 700 Männer eröffnete, das unter den Obdachlosen bald als "Wiesenburg" bekannt war. Oberstes Gebot des 1868 von sozial-liberalen Bürgern gegründeten Vereins war die Wahrung der Anonymität der Kundschaft. Im Gegensatz zu städtischen Fürsorgeeinrichtungen, hatte die Polizei keinen Zutritt. Auch waren die Hilfesuchenden der "Wiesenburg" vom Arbeitszwang befreit und der Verein ersuchte nicht, wie bei christlichen Hilfeorganisationen üblich, sie zu missionieren. Gegner des Prinzips der Anonymität unterstellen vor allem, dass die Asyle "Brutstätten des Verbrechertums" seien und Müßiggänger und Vagabunden sozialisiere. Stattdessen müsse die fehlende Arbeitsmotivation der Obdachlosen bekämpft und durch Zwangsarbeit die Arbeitswilligkeit wiederhergestellt werden.
Um Belästigungen der Nachbarschaft durch wartende Obdachlose auf öffentlichem Straßenland zu vermeiden, war das Männerasyl nur über eine 50 Meter lange Privatstraße zugänglich. Ausgestattet mit einer Dampfmaschinenanlage zur Stromerzeugung, Zentralheizung, einer modernen Großküche sowie einer Luftumwälz- und Klimaanlage, war das Asyl auf dem neuesten technischen Wissensstand. In den Jahren 1905 bis 1907 ließ der Verein die Anlage um ein Asyl für 400 Frauen erweitert, das einen separaten Zugang an der Kolberger Straße erhielt.
Nach dem Ersten Weltkrieg vorübergehend als städtisches Kartoffellager und Armee-Konservenfabrik genutzt, konnte der Verein das Asyl in der Wiesenstraße Mitte der 1920er Jahre wiedereröffnen. Von nun an auf kommunale Zuschüsse angewiesen, hatte die Polizei Zutritt und die Obdachlosen mussten sich registrieren lassen. Damit war der Abschied vom Prinzip der Anonymität und die Unabhängigkeit des Berliner-Asyl-Vereins als selbstverwaltete Bürgerinitiative besiegelt. Als die Stadt 1931 die Finanzierung komplett einstellte, musste die "Wiesenburg" endgültig schließen.
Heute erinnert am ehemaligen Beamtenhaus der "Wiesenburg" eine Gedenktafel an diesen historischen Ort. Die Familie, die das ehemalige Beamtenhaus bewohnt und das Areal verwaltet, schützt dieses vor den Begehrlichkeiten der Kommune und finanzkräftigen Investoren. Während in den "Frauenschlafsälen" des Asyls Künstler an ihren Objekten werkeln, wuchert inmitten der Außenmauern des ansonsten zerstörten Männerasyls seit Jahrzehnten eine grüne Oase.
"Die Palme" - städtische Obdach am Prenzlauer Berg
In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts beschloss die städtische Armenkommission Berlins, ein Hospital mit Siechenhaus und ein zentrales Obdachlosenasyl zu bauen. Von 1886 bis 1889 wurde daraufhin nach Plänen des Stadtbaurates Hermann Blankenstein im Bereich Prenzlauer Allee/Fröbelstraße zwei Gebäudekomplexe errichtet, in denen heute Teile des Bezirksamts Pankow und das Vivantes-Krankenhaus untergebracht sind.
Der größte Teil dieses Obdachs, das im Volksmund wahlweise "Fröbels Festsäle" oder nach einer in der Aufnahmehalle stehenden mickrigen "Palme" benannt wurde, dient als Nachtasyl. Ein kleinerer Teil war für obdachlose Familien und Exmittierte (Zwangsgeräumte) vorgesehen, die tagsüber das Asyl nicht verlassen mussten. Sie waren zusammen mit der Verwaltung und den Beamtenwohnungen in den Gebäudetrakten untergebracht, wo heute in 211 Betten Patienten versorgt werden. Dahinter lagen 40 niedrige, fabrikähnliche Säle, in denen auf jeweils 100 schmale eiserne Bettgestelle mit Drahtmatratzen und einer Wolldecke allein stehende Männer und Frauen ein Nachtquartier fanden. Neben sieben dieser, an ihren Sheddächern (Schuppendach) zu erkennenden Schlafsälen, sind das ehemalige Waschhaus an der heutigen Ella-Kay-Str. und das sogenannte Lausoleum, in dem die Kleider der Obdachlosen durch heißen Dampf sterilisiert wurden, weitestgehend erhalten geblieben.
Unter den Obdachlosen war die "Palme" auch als "Polizeiasyl" gefürchtet, weil die Ordnungshüter, im Gegensatz zum Nachtasyl des liberalen Berliner-Asyl-Vereins, die Namen sämtlicher Insassen erfasste und häufig Razzien durchführte. Personen, die zu häufig um Asyl baten oder bei Razzien aufgegriffen wurden brauchte man unverzüglich ins Rummelsburger "Arbeitshaus". Später wurde gegenüber der Palme eine Arbeitsstätte eingerichtet, wo die Männer mit Holzhacken und Holzsägen ihre Arbeitswilligkeit unter Beweis stellen konnten. Frauen wurden mit dem Nähen von Kleidern, Decken, Säcken und mit Bastarbeiten beschäftigt. Wer die Arbeit ablehnte, wurde einem Richter vorgeführt und musste mit einer Arbeitshausstrafe rechnen.
Nachdem das Hauptgesundheitsamt der Nazis 1934 die Auflösung des Obdachs sowie des angrenzenden Hospitals verfügte, führte zunächst die Bezirksverwaltung alle seine Dienststellen in die leer gewordenen Gebäude zusammen. 1940 erfolgte in den Gebäuden des ehemaligen Obdachs die Inbetriebnahme des Krankenhauses Prenzlauer Berg mit einer Kapazität von über 500 Betten.
Stetige Erinnerung findet im und am heutigen Krankenhaus des Vivantes-Konzernz, der zu 100 Prozent dem Land Berlin gehört, nicht statt. Zwar erfahren die Besucher der Vivantes-Homepage unter "Geschichte des Hauses", dass von 1886 bis 1889 ein großer Gebäudekomplex "bestehend aus dem städtischen Hospital, einem Siechenhaus und dem städtischen Obdach" im Bereich Prenzlauer Allee/Fröbelstraße gebaut wurde. Jedoch erfährt man nicht, dass das jetzige Krankenhausareal in seiner Gänze ursprünglich das ehemalige städtische Obdach "Die Palme“ gewesen war, von dem aus viele Obdachlose ins "Arbeitshaus Rummelsburg", einem weiteren vergessenen Ort Berliner Asylgeschichte, eingewiesen wurden.
Luxuswohnen im ehemaligen Arbeitshaus
An der Rummelsburger Bucht im Berliner Stadtteil Lichtenberg wurde durch privatisierende Umwidmung eines ähnlichen Areals, dessen Geschichte sprichwörtlich entkernt. Dort, wo einst knapp 1.500 Obdachlose und andere Marginalisierte zwangsweise untergebracht wurden, sonnen sich anno 2008 Mittelstandsbürger auf den Stahlrohrbalkonen ihrer frisch erworbenen Eigentumszellen.
Bereits 1758 ließ der preußische König Friedrich II. am Ochsenmarkt, dem heutigen Alexanderplatz ein "Arbeitshaus" zur Unterbringung "arbeitsscheuer Personen" errichten. Zuvor hatte das "Städtische Arbeitshaus" für wenige Jahre sein Domizil in den Schlächtergewerk am Halleschen Tor.
An Ansprüchen des wachsenden Berlins und seiner Probleme nicht mehr gerecht werdend, gab man das Gebäude am Alexanderplatz auf und baute 1877 bis 1879 nach Plänen Hermann Blankensteins das "Arbeitshaus Rummelsburg". Während das Verwaltungsgebäude im Stil der Schinkelschule mit farbigen Terrakotta-Ornament verziert wurde, hielt man die eigentlichen Verwahrhäuser im rückwärtigen Teil des 100.000 qm großen Areals schmucklos und einfach.
Als "moderner Sozialbauen" konzipiert, diente das "Arbeitshaus" dem Zeitgeist entsprechend als Abschreckungs- und Disziplinierungsanstalt für Arbeitslose, Dirnen, Kuppler und Betrüger sowie zur Einübung von Arbeitstugenden. Das preußische Strafgesetzbuch von 1781 machte es möglich, "Asozialität" entsprechend zu bestrafen. Hierunter fielen Betteln, Landstreicherei, Gewerbsunzucht, Arbeitsscheuheit, Trunk- oder Spielsucht und Müßiggang.
Während der Nazizeit wurde das Backsteinensemble zum "Städtischen Arbeits- und Bewahrungshaus Berlin-Lichtenberg" und die Gruppe der zu internierenden "Asozialen" um Sinti und Roma sowie Homosexuelle erweitert.
Im Rahmen der Aktion "Arbeitsscheu Reich" wurden im Frühjahr und Sommer 1938 bei Verhaftungs- und Deportationswellen mehr als 10.000 Marginalisierte in Konzentrationslager verschleppt, wo sie mit einem schwarzen Winkel auf der Häftlingskleidung markiert wurden. Ein Ausgangs- und Sammelpunkt war dabei das "Arbeitshaus Rummelsburg".
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex noch bis 1951 als "Arbeitshaus" genutzt. Der DDR diente das gesamte Gelände als Gefängnis für bis zu 900 Häftlinge.
Unter dem Namen Gerichtsgarten sollte das Gebäudeensemble Mitte der 1990er Jahre zunächst zum Sitz mehrerer Berliner Justizeinrichtungen werden. Nachdem diese Idee verworfen wurde plante die Wasserstadt GmbH, die das Gelände ab 2001 als treuhänderischer Entwicklungsträger verwaltete, erfolglos die Ansiedlung von Forschungseinrichtungen unter dem Namen Berlin-Campus. 2006 erwarb die Maruhn-Gruppe den Mittelbereich des Arbeitshaus-Areals mit Wasserturm und ehemaligen Verwahrhäusern und baut diese seitdem zu Luxusappartements um.
Zur Erinnerung an die ehemaligen Kirche im Zentrum der Anlage wurde mit Pflasterung, Bänken und Bepflanzung deren Grundriss in der neuen Mittelpromenade nachgezeichnet. Nichts deutet jedoch auf dem gesamten Areal auf die unheilvolle Geschichte des "1877 bis 1879 in Berlin erbauten Gebäudeensembles" hin. Einzig die aus ihrem Kontext gerissene Bezeichnungen "Arbeitshaus" und "Verwahrhäuser" tauchen hin und wieder in Beschreibungen der Investoren auf. Wichtiger als die marginalisierten Bewohner scheint die Erinnerung an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker zu sein, der 1990 für eine Nacht im, als Gefängnis genutzten Arbeitshaus Rummelsburg inhaftiert war.

