Gedenken an als die "asozial" Verfolgten in Berlin
Peter Nowak schreibt am 27.01.2008 auf Indymedia um 15:43 über den Gedenkspaziergang zu den Arbeitshäusern in der Rummelsburger Bucht
Ca. 40 Menschen nahmen am Samstagvormittag an
einen historischen Spaziergang zum Gedenken an die Verfolgung
sogenannter Asozialer teil. Organisiert wurde die Aktion vom
Arbeitskreis Marginalisierte – gestern und heute“ im Rahmen der
Veranstaltungsreihe „Asozial – Kontinuitäten und Brüche“.
Treffpunkt für
den Spaziergang war der S-Bahnhof Rummelsburg. Dann ging es zur
Rummelsburger Bucht. Wo lange Zeit nur alte Fabrikgelände vor sich
gammelten, gibt es jetzt neue Eigentumshäuser. Ein Bauboom hat die
Rummelsburger Bucht erfasst, wie auch auf den Schildern ringsum
unschwer zu lesen ist, wo unter dem Motto. „„Arbeiten und Leben in der
Rummelsburger Bucht" zahlungskräftige BewohnerInnen gesucht werden. Die
neuen Straßennamen sind nach bekannten Berliner Frauen benannt,
darunter findet sich auch die Poetin und Malerin Charlotte Salamon, die
1943 in Auschwitz ermordet wurde. Bei anderen Namen fehlt bisher noch
die Untertitelung. Einige alte Häuser sind noch erhalten. so dass Zentralgebäude des ehemaligen Berliner Arbeitshauses, dass 1877 eröffnet und erst 1951 geschlossen wurde. In der NS-Zeit wurden dort sogenannte Asoziale sowie Lesben und Schwulen inhaftiert. Auch eine Abteilung für Jüdinnen und Juden hat es dort zeitweilig gegeben. Zur Einstimmung gab der Straßenmusiker Bruno S. einige Stücke der Lieder zum Besten, die Wandergesellen sowie Sinti und Roma gesungen haben. Alles Menschen, die häufig in die Arbeitshäuser eingewiesen wurden.
Kampf um eine Erinnerungsstätte
Der Historiker Thomas Irmer forderte in seinem Redebeitrag an dieser Stelle eine Erinnerungsstätte für die als Asozial Verfolgte. Das würde dazu beitragen, diese Verfolgtengruppe zu rehabilitieren. Dazu kann bis heute keine Rede sein. Keiner dieser Menschen hat, wenn sie die NS-Zeit überlebten, Entschädigung erhalten. Im Gegenteil: Viele wurden auch nach 1945 weiterhin verfolgt und diskriminiert. Die letzten Arbeitshäuser wurden in Deutschland 1969 abgeschafft. Dazu hat ein Gerichtsurteil, vor allem wohl aber der gesellschaftliche Aufbruch jener Zeit beigetragen. Im Zuge des gesellschaftlichen Rollback nehmen Arbeitszwang und Schikanen gegenüber Erwerbslosen zu. Heute braucht die Politik dafür vielleicht kein Arbeitshaus mehr. Aber es stehen genügend Zwangsmittel zur Verfügung, die für die Betroffenen nicht minder gravierende Auswirkungen haben. Darüber werden verschiedene Veranstaltungen der am Wochenende begonnenen Reihe in den nächsten Tagen und Wochen informieren.
Der Kampf um eine Erinnerungsstätte in Rummelsburg sollte dabei nicht aus dem Augen verloren werden. Die Neubauten reichen schon an das ehemalige Arbeitshaus heran. Daher stellt sich die Frage, wie mit diesen historischen Stätten umgegangen wird. Wenn da nicht Druck gemacht wird, droht eine Entsorgung von der Art, wie man sie jetzt auf den Hinweisschildern lesen kann, die schon vor 2000 rund um da Expo-Projekt Rummelsburg aufgebaut worden sind. Dort heißt es: Das Arbeitshaus und das ....Waisenhaus waren Sozialbauten, die vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Hauptstadt und ihrer sozialen Probleme entstanden“. Die NS-Zeit wird dort gar nicht erwähnt. Ansonsten wird der Eindruck erweckt, als wäre das Arbeitshaus ein Naturgesetz gewesen. Opfer und Täter kommen nicht vor. Bei aller Geschichtsrelativierung wird hier tatsächlich ein Zusammenhang offen, der den Verfassern der Tafel wahrscheinlich nicht auffiel. Die Arbeitshäuser entstanden sind mit dem aufkommenden Kapitalismus. In Großbritannien, wo sich der Kapitalismus früher als in Deutschland entwickelt hatte, gab es auch schon Jahrzehnte früher als in Deutschland Arbeitshäuser. Karl Marx hat über sie und ihre Funktion im Kapitalismus geschrieben. Wer sich mit der Geschichte der Arbeitshäuser befasst, kann zum Kapitalismus und seinen historisch unterschiedlichen Formen des Arbeitszwanges nicht schweigen. Auch das macht die Veranstaltungsreihe klar.
Die Adresse lautet: http://de.indymedia.org/2008/01/206372.shtml

