Verfemt bis heute
Reihe zur Verfolgung von Marginalisierten Von Peter Nowak Neues Deutschland/ 25.01.2008 / Außer Parlamentarisches / Seite 13
Am 26. Januar 1938 gab der SS-Funktionär Heinrich Himmler mit dem Erlass »Arbeitsscheu Reich« den Startschuss für die Inhaftierung und Ermordung tausender Menschen, die schon lange vorher als »Asoziale« stigmatisiert worden waren. 70 Jahre später organisiert der Arbeitskreis »Marginalisierte – gestern und heute« in Berlin eine Veranstaltungsreihe, die sich mit der Verfolgung sogenannter Asozialer vom Mittelalter bis in die Gegenwart befasst.
Mehr als zwanzig Vorträge, Lesungen und Diskussionen wird es bis Juni geben. Seit Mittwoch ist im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte die Ausstellung »Wohnungslose im Nationalsozialismus« zu sehen. Am Samstag soll mit einem historischen Spaziergang an die Opfer von Berlins erstem Arbeitshaus erinnert werden, das 1877 im Stadtteil Rummelsburg errichtet wurde. Heute werben dort Schilder für Eigentumswohnungen. Eine Gedenktafel sucht man vergeblich.
Die Verfolgung von »Asozialen« endete nicht mit der Niederlage des NS-Regimes. Selbst viele politisch Verfolgte verwehrten sich in der Nachkriegszeit vehement dagegen, mit »einfachen Kriminellen« in eine Zelle gesperrt worden zu sein. Die Rehabilitierung dieser Menschen ist ein Ziel der Reihe.
Mitorganisatorin Anne Allex kommt aus der Erwerbslosenbewegung und verknüpft mit der Thematik nicht nur historische Bezüge. »Auch 2007 ist jeder Dritte hierzulande der Ansicht, die Gesellschaft könne sich Menschen, die wenig nützlich sind, nicht länger leisten«, verweist Allex auf die kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie »Deutsche Zustände 6« des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer. In regierungsamtlichen Kampagnen sieht sie ebenfalls Parallelen in der Gegenwart. Der unter dem früheren SPD-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement erstellte Report »Vorrang für die Anständigen – Gegen Missbrauch, ›Abzocke‹ und Selbstbedienung im Sozialstaat« wettert unverholen gegen angebliches Sozialschmarotzertum in Deutschland.
Für die Betroffenen können solche Töne schwerwiegende Folgen haben. Gewalt gegen arme Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch damit werden sich einige der Veranstaltungen befassen. Die Themenpalette reicht von der Vertreibung einkommensschwacher Menschen aus den Innenstädten bis zur Zunahme der Billigjobs. Einige Referenten stellen Gegenstrategien zur Diskussion. So wird etwa Robert Ulmer in der Veranstaltung »Legitim Parasit sein« dafür plädieren, die Stigmatisierung positiv aufzugreifen. »Emsig versuchen die Arbeitslosen, den Vorwurf zu entkräften, auf Kosten anderer zu leben. Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund für Schuldgefühle. In einer offenen Gesellschaft muss allen die Möglichkeit gegeben sein, ohne Erwerbszwecke und Mitwirkungspflichten zu leben«, betont er.
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