Verfemt, verfolgt, ermordet: die "Asozialen"
Der Arbeitskreis „Marginalisierte gestern und heute“ erinnert in Berlin mit einer Veranstaltungsreihe, einer Ausstellung und zahlreichen anderen Aktivitäten an die Geschichte der als asozial Stigmatisierten vom Mittelalter bis in die Gegenwart Peter Nowak schreibt am 25.01.2008 01:51 bei Indymedia
Am 26.1.1938
gab der SS-Funktionär Heinrich Himmler mit dem Erlass „Arbeitsscheu
Reich“ den Startschuss für die Inhaftierung und Ermordung von Tausenden
Menschen, die schon lange vorher als Asoziale stigmatisiert worden
waren. 70 Jahre später organisiert der Arbeitskreis „Marginalisierte –
gestern und heute“ in Berlin eine Veranstaltungsreihe, die sich mit der
Geschichte der Asozialenverfolgung vom Mittelalter bis in die Gegenwart
befasst. Schon am Mittwoch wurde im Berliner Haus der Demokratie die
Ausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“ eröffnet. Sie zeigt
auf, wie die Entrechtung der sogenannten Asozialen schon in der
Weimarer Zeit begonnen hatte. Die Grundlagen haben Kommunalbehörden,
sowie Arbeits- und Wohnungsämter gelegt, die in Schreiben die
Einweisung von Menschen unter dem Stigma „arbeitsscheu“ in KZ und
Arbeitshäuser forderten. Dazu finden sich in der Ausstellung einige
Beispiele.
Schöner wohnen im ehemaligen Arbeitshaus
Am Samstagvormittag soll mit einem historischen Spaziergang an die Opfer von Berlins erstem Arbeitshaus im Stadtteil Rummelsburg erinnert werden, das 1877 errichtet wurde. Treffepunkt ist 10.30 Uhr am S-Bahnhof Rummelsburg.
Heute werben dort Schilder mit der Parole „„Arbeiten und Leben in der Rummelsburger Bucht" für schicke Eigentumswohnungen. Eine Gedenktafel sucht man vergeblich. Die Verfolgung der sogenannten Asozialen endete nicht mit dem Ende des NS-Regimes. Selbst viele politische Verfolgte wehrten sich vehement dagegen, mit sogenannten Asozialen in eine Zelle gesperrt zu werden. Es wurde also so getan, als hätte die Einlieferung dieser Menschen nur dazu gedient, die politischen Gefangnen zu demütigen und zu diffamieren. Die Schicksale der als asozial abgestempelten Menschen fielen dabei unter dem Tisch. Dabei kann ein Arbeitsmythos beigetragen haben, wie er in der KPD und der SPD gepflegt wurde. Statt für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft und damit der Abschaffung sämtlicher Klassen, auch der ArbeiterInnenklasse, zu kämpfen, wurde ein Kult und die Arbeiterklasse betrieben, der schnell zu einer Abwertung der nicht so Produktiven führen konnte.
Kampf gegen die Armen
Die Gründerin der AG Marginalisierte Anne Allex kommt aus der Erwerbslosenbewegung und verknüpft mit der Thematik nicht nur historische Bezüge. „Die herrschende Meinung der damaligen Gesellschaft bewertete das Leben von Menschen nur nach ihrer Nützlichkeit. Die kürzlich von dem Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer veröffentlichte Langzeitstudie ‚Deutsche Zustände 6’ zeigt, dass auch 207 jeder Dritte der Ansicht ist, die Gesellschaft könne sich Menschen, die wenig nützlich sind', nicht länger leisten, zieht Allex Parallelen zur Gegenwart. Sie verweist auf regierungsamtliche Kampagnen, wie noch unter den heutigen Konzernlobbyisten und damaligen SPD-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement erstellten Report, in dem unter dem Titel „Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat“ gegen einen angeblichen Sozialmissbrauch gewettert wurde. Für die Betroffenen können solche Töne schwerwiegende Folgen haben. Die Gewalt gegen als arm qualifizierte Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. Jahrelang organisierten solidarische Menschen eine Demonstration zum Jahrestag der Ermordung von Dieter Eich im Jahr 2000 in Buch. Nach einer Unterbrechung soll die Demnstration in diesem Jahr wieder stattfinden.
Die Themenpalette der Veranstaltungsreihe reicht von der Vertreibung einkommensschwacher Menschen aus den Innenstädten bis zur Zunahme der Billigjobs. Das genaue Programm kann unter der angegebenen Homepage eingesehen werden.
Einige ReferentInnen widmen sich den Gegenstrategien. So plädiert Robert Ulmer am 12. Februar in einer Veranstaltung unter dem Titel „Legitim Parasit sein“ dafür, dass die Betroffenen die Stigmatisierung positiv aufgreifen sollen. “Emsig versuchen die Arbeitslosen den Vorwurf zu entkräften, auf Kosten anderer zu leben. Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund für Schuldgefühle. In einer offenen Gesellschaft muss allen die Möglichkeit offen stehen, ohne Erwerbszwecke und Mitwirkungspflichten zu leben“, betont Ulmer.
Arbeitshaus und Irrenhaus hingen eng zusammen
Die Stigmatisierung von Menschen als asozial oder als Irre hing historisch eng zusammen und reicht bis in die Gegenwart. Darauf macht Rene Talbot vom BAG Psychiatrieerfahrener e.V. (
http://www.psychiatrie-erfahrene.de/) aufmerksam, der ebenfalls im Arbeitskreis „Marginalisierte...“ mitarbeitet. Er begründet sein Engagement so:
“Die Überschneidungen der psychiatrischen Massenmorde und der Massenmorde an Menschen, die von den Nazis zu "Asozialen" erklärt wurden, sind offenkundig. Unerwünschtes Verhalten wurde medizinalisiert
bzw. biologisiert und in einer weiteren Radikalisierung zur "Erbkrankheit" erklärt. "Arbeitsscheu" war dabei im Grunde genommen nur die erweiterte Kategorie anderer abweichender, dissidenter Verhaltensformen, die direkt zu den psychiatrischen Todesurteilen geführt haben.
Auch für Talbot handelt es sich dabei keineswegs um in historisches Thema. „Wir meinen, dass sehr wohl noch die gleiche Grundstruktur den Maßstab für die Ausgrenzung setzt: Das Menschenrecht, dass auch derjenige, der
nicht arbeiten will, essen dürfen muss, dieses Recht auf Faulheit muss erst noch durchgesetzt werden. So sind die Sanktionen gegen die, die nicht arbeiten wollen, ihrer sogenannten "Mitwirkungspflicht" nicht nachkommen, nur die allgemeinere Form der speziellen und besonders brachialen Entwürdigung, den die Zwangspsychiatrie mit Zwangsbehandlung,
Einsperrung und Entmündigung vollzieht. Wir hoffen, dass diese Veranstaltungsreihe dazu beiträgt, dass mehr Menschen diesen inneren Zusammenhang verstehen und die zentrale Rolle, den die psychiatrische Ideologie dabei spielt.
Die Adresse lautet: http://de.indymedia.org/2008/01/206144.shtml
Schöner wohnen im ehemaligen Arbeitshaus
Am Samstagvormittag soll mit einem historischen Spaziergang an die Opfer von Berlins erstem Arbeitshaus im Stadtteil Rummelsburg erinnert werden, das 1877 errichtet wurde. Treffepunkt ist 10.30 Uhr am S-Bahnhof Rummelsburg.
Heute werben dort Schilder mit der Parole „„Arbeiten und Leben in der Rummelsburger Bucht" für schicke Eigentumswohnungen. Eine Gedenktafel sucht man vergeblich. Die Verfolgung der sogenannten Asozialen endete nicht mit dem Ende des NS-Regimes. Selbst viele politische Verfolgte wehrten sich vehement dagegen, mit sogenannten Asozialen in eine Zelle gesperrt zu werden. Es wurde also so getan, als hätte die Einlieferung dieser Menschen nur dazu gedient, die politischen Gefangnen zu demütigen und zu diffamieren. Die Schicksale der als asozial abgestempelten Menschen fielen dabei unter dem Tisch. Dabei kann ein Arbeitsmythos beigetragen haben, wie er in der KPD und der SPD gepflegt wurde. Statt für den Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft und damit der Abschaffung sämtlicher Klassen, auch der ArbeiterInnenklasse, zu kämpfen, wurde ein Kult und die Arbeiterklasse betrieben, der schnell zu einer Abwertung der nicht so Produktiven führen konnte.
Kampf gegen die Armen
Die Gründerin der AG Marginalisierte Anne Allex kommt aus der Erwerbslosenbewegung und verknüpft mit der Thematik nicht nur historische Bezüge. „Die herrschende Meinung der damaligen Gesellschaft bewertete das Leben von Menschen nur nach ihrer Nützlichkeit. Die kürzlich von dem Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer veröffentlichte Langzeitstudie ‚Deutsche Zustände 6’ zeigt, dass auch 207 jeder Dritte der Ansicht ist, die Gesellschaft könne sich Menschen, die wenig nützlich sind', nicht länger leisten, zieht Allex Parallelen zur Gegenwart. Sie verweist auf regierungsamtliche Kampagnen, wie noch unter den heutigen Konzernlobbyisten und damaligen SPD-Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement erstellten Report, in dem unter dem Titel „Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, "Abzocke" und Selbstbedienung im Sozialstaat“ gegen einen angeblichen Sozialmissbrauch gewettert wurde. Für die Betroffenen können solche Töne schwerwiegende Folgen haben. Die Gewalt gegen als arm qualifizierte Menschen hat in den letzten Jahren zugenommen. Jahrelang organisierten solidarische Menschen eine Demonstration zum Jahrestag der Ermordung von Dieter Eich im Jahr 2000 in Buch. Nach einer Unterbrechung soll die Demnstration in diesem Jahr wieder stattfinden.
Die Themenpalette der Veranstaltungsreihe reicht von der Vertreibung einkommensschwacher Menschen aus den Innenstädten bis zur Zunahme der Billigjobs. Das genaue Programm kann unter der angegebenen Homepage eingesehen werden.
Einige ReferentInnen widmen sich den Gegenstrategien. So plädiert Robert Ulmer am 12. Februar in einer Veranstaltung unter dem Titel „Legitim Parasit sein“ dafür, dass die Betroffenen die Stigmatisierung positiv aufgreifen sollen. “Emsig versuchen die Arbeitslosen den Vorwurf zu entkräften, auf Kosten anderer zu leben. Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund für Schuldgefühle. In einer offenen Gesellschaft muss allen die Möglichkeit offen stehen, ohne Erwerbszwecke und Mitwirkungspflichten zu leben“, betont Ulmer.
Arbeitshaus und Irrenhaus hingen eng zusammen
Die Stigmatisierung von Menschen als asozial oder als Irre hing historisch eng zusammen und reicht bis in die Gegenwart. Darauf macht Rene Talbot vom BAG Psychiatrieerfahrener e.V. (
http://www.psychiatrie-erfahrene.de/) aufmerksam, der ebenfalls im Arbeitskreis „Marginalisierte...“ mitarbeitet. Er begründet sein Engagement so: “Die Überschneidungen der psychiatrischen Massenmorde und der Massenmorde an Menschen, die von den Nazis zu "Asozialen" erklärt wurden, sind offenkundig. Unerwünschtes Verhalten wurde medizinalisiert
bzw. biologisiert und in einer weiteren Radikalisierung zur "Erbkrankheit" erklärt. "Arbeitsscheu" war dabei im Grunde genommen nur die erweiterte Kategorie anderer abweichender, dissidenter Verhaltensformen, die direkt zu den psychiatrischen Todesurteilen geführt haben.
Auch für Talbot handelt es sich dabei keineswegs um in historisches Thema. „Wir meinen, dass sehr wohl noch die gleiche Grundstruktur den Maßstab für die Ausgrenzung setzt: Das Menschenrecht, dass auch derjenige, der
nicht arbeiten will, essen dürfen muss, dieses Recht auf Faulheit muss erst noch durchgesetzt werden. So sind die Sanktionen gegen die, die nicht arbeiten wollen, ihrer sogenannten "Mitwirkungspflicht" nicht nachkommen, nur die allgemeinere Form der speziellen und besonders brachialen Entwürdigung, den die Zwangspsychiatrie mit Zwangsbehandlung,
Einsperrung und Entmündigung vollzieht. Wir hoffen, dass diese Veranstaltungsreihe dazu beiträgt, dass mehr Menschen diesen inneren Zusammenhang verstehen und die zentrale Rolle, den die psychiatrische Ideologie dabei spielt.
Die Adresse lautet: http://de.indymedia.org/2008/01/206144.shtml

