Wohnhaft am Wasser
Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.02.2008
Rummelsburger Bucht: In der DDR
waren diese Häuser ein Gefängnis.
Nun entstehen darin
luxuriöse Wohnungen mit Eichenholzparkett.
Eine Ortsbesichtigung
mit einem ehemaligen Insassen.
Die Pappeln am Ufer stehen dicht an
dicht, lassen im Sommer den Blick von
der anderen Seite der Bucht
nicht durch. Jetzt aber kann man gut erkennen,
was lange Zeit
verborgen bleiben sollte: die alten Backsteingebäude der
ehemaligen DDR-Haftanstalt Rummelsburg. Heute sieht man durch die
kahlen Zweige schwarz-weiße Neubauten durchschimmern, dann die
roten
Gefängnisgemäuer und über den Wipfeln ragt ein
Kran in den
wolkenverhangenen Himmel. Die Gefängnismauer ist
verschwunden,
dahinter führen neue Pflastersteine über das
frisch gewalzte Gelände, in der
Mitte steht ein Wasserturm, drum
herum wurden kleine Bäume gepflanzt.
Die sechs
denkmalgeschützten Backstein-Gebäude von 1880 sind um den
Wasserturm aufgereiht, sie bekommen in diesen Tagen ein neues
Gesicht:
Aus dem Gefängnis Rummelsburg wird die Wohnsiedlung
„BerlinCampus“ –
aus den ehemaligen Zellen auf den langen
Fluren machte die Maruhn
Immobiliengruppe exklusive Apartments.
Es
ist Samstag, Pärchen staksen vorsichtig über die gefrorene
Erde auf
Haus 1 zu. 80 Quadratmeter kosten hier zur Kaltmiete etwa
600 Euro.
Haus 1 und Haus 2 sind fertig saniert, und an der
Backsteinfassade kleben
Balkone, im Erdgeschoss führen Treppen
in den noch imaginären Garten.
Im ersten Stock von Haus 1
befindet sich die Musterwohnung.
Parkettboden, Raufasertapete und
Einbauküche. Nichts erinnert mehr daran,
dass die Nazis hier
einmal Homesexuelle und "psychisch Abwegige"
internierten. Und
dass sich zu Zeiten der DDR hinter den
Treppenhauseingängen
einmal jeweils sechs Häftlinge 14 Quadratmeter
geteilt haben.
"Die 14 Quadratmeter haben wir mit Schritten ausgerechnet",
erzählt
Matthias Bath. Als westdeutscher Fluchthelfer saß
er mehr als drei Jahre
in der Rummelsburger Strafvollzugsanstalt –
bis er von der Bundesrepublik
freigetauscht wurde. Wohnen würde
Matthias Bath hier nicht wollen.
"Aber vom Gefängnis ist ja
nicht mehr viel übrig." Nur beim Blick nach
draußen
gucke man noch in die alte Trostlosigkeit, bemerkt er am Fenster
des
Musterbadezimmers. Er zeigt über die Freifläche zwischen
den Häusern:
"Da sind wir immer in Kolonne über den Platz
marschiert, von Haus 3 zu
Haus 5, wo die Produktionsstätten
waren."
Der Berliner Staatsanwalt kennt sich gut aus mit
dem Gelände und dessen
Geschichte. Gleich nach seiner
Entlassung, er war damals 23 Jahre, schrieb
Matthias Bath alles auf,
was er in DDR-Gefangenschaft erlebt hatte. Dazu
hat er in
Landesarchiven recherchiert und später in seinen Stasiakten
nachgelesen. Im vergangenen Frühling erschien sein Buch "Gefangen und
freigetauscht – 1197 Tage als Fluchthelfer in
DDR-Haft". – "Willkommen in
Rummelsburg, dem Haus am See",
wurde er von einem Mithäftling in der
Zelle sarkastisch
begrüßt.
Bath erzählt, dass die Backsteine an
der Rummelsburger Bucht nicht immer
als Gefängnis dienten. Die
Häuser wurden 1876 von der Stadt Berlin in
Auftrag gegeben. Sie
beherbergten ein für damalige Verhältnisse
fortschrittliches Projekt: Obdachlose und alte Menschen ohne
Angehörige
wurden in Rummelsburg versorgt. Die Idee, die
historischen Gebäude
wieder zu nutzen, gefällt Matthias
Bath. Nicht wegen des Gruseleffekts,
fügt er schnell hinzu. Es
geht nicht darum, die Zeit des Gefängnisses
wieder aufleben zu
lassen. Und anders als zum Beispiel Hohenschönhausen
sei es kein
rein politisches Gefängnis gewesen. "Wenn man das zur
Wohnanlage ausbauen würde, wäre es geschmacklos." Dort
erinnert eine
Gedenkstätte an die Untaten der
DDR-Regierung.
Wenn man vom Wasserturm zur Bucht blickt, sieht
man in das alte Gesicht
der Anlage: In Haus 3 sind die Fenster
zugemauert. Im Innern führen die
langen Flure auf den Etagen von
der einen Seite des Gebäudes bis zum
anderen Ende. Rechts und
links sind die Türen der Zellen rausgerissen,
die Räume
stehen leer. Im ersten Stock liegt der Raum, der sich fest in
Baths
Kopf eingeprägt hat. Es war der erste große Schock, als er
damals
nach seiner Verurteilung hierher gekommen ist: die Dusche.
Hier sollte der
Häftling zunächst warten, bis ihm ein Platz
in einer Zelle zugeteilt wurde.
Jetzt steht der Staatsanwalt wieder
in dem dunklen Raum, sucht auf dem
Betonboden nach dem Abflussrohr.
Auch die Wände sind nackter Beton.
Er konnte sich in den Stunden
des Wartens damals ein Bild davon machen,
wie dürftig es um
Hygiene und Verpflegung in den kommenden Jahren
bestellt sein sollte.
Auch anderswo sind verlassene Haftanstalten begehrte
Investitionsobjekte.
Allerdings der anderen Art: In Stockholm kann
man auf der Halbinsel
Langholmen in den Zellen der ehemaligen
Haftanstalt übernachten –
Gruseln für knapp 200 Euro. In
Oxford entstand vor drei Jahren in den
historischen Gemäuern aus
dem 10. Jahrhundert ein Designhotel mit
Gefängnisambiente. Der
Gruseltourismus wird in der Reisebranche als neuer
Trend ausgerufen.
Im Schweizer Jailhotel in Luzern kann man entweder
einfach und
gepflegt unter „Gefängnis total!“ unterkommen – oder aber
auch
unter „Most Wanted“ logieren: Übernachten in der
ursprünglichen Zelle.
In Amsterdam steht das Lloyd Hotel, ein
Knast, den Designer mit viel Liebe
zum Detail in ein Kleinod
verwandelt haben. In Deutschland gibt es einen
Gefängnis-Kick
für 45 Euro in der ehemaligen Haftanstalt Kaiserslautern,
inklusive Gefängnispyjama.
In der Rummelsburger Bucht
wird bald nichts mehr an das einstige
„Haus am See“ erinnern. Die
Zeit geht weiter, was bleibt, ist ein Ort mit
einer besonderen
Geschichte. Dem stimmt auch Huberta Bettex von
Schenck zu. Sie wohnt
zusammen mit ihrem Mann seit drei Monaten im
Haus 8, der ehemaligen
Krankenstation der Haftanstalt, das sie gekauft
haben. Es ist ein
zweistöckiges Haus, abseits von den sechs
langgestreckten
Hauptgebäuden, direkt am Wasser. Hier verbrachte
Erich Honecker
nach seiner ersten Verhaftung am 29. Januar 1990 eine
Nacht. Drum
herum erdklumpige Baustelle und struppige Ödnis.
An dem
neu angebrachten Türschild steht: Das Andere Haus 8. "Das soll
zeigen, dass wir an die Geschichte dieses Hauses anknüpfen –
und etwas
ganz anderes daraus machen wollen", erklärt Bettex
von Schenck.
Deutsche Geschichte interessiert die 63-Jährige.
Das Haus 8 war
ursprünglich das Arresthaus, erzählt die
Münchnerin. Bettler, Obdachlose
oder Alleinstehende aus dem
Arbeitslager wurden hier eingesperrt, wenn
sie sich nicht an die
Regeln hielten. In der DDR wurde daraus die
Krankenstation.
Die
Lehrerin blickt aus dem Fenster der geräumigen Küche.
Natürlich fehlt
noch viel, bevor man sich hier richtig
wohlfühlen könne, sagt sie. Zum
Beispiel der Laden an der
Ecke, das Leben. Aber das kommt noch, da ist
sie zuversichtlich. Die
alten Steine der gewölbten Decke in der Küche sind
unverputzt, aus dem Fenster blickt man direkt auf die Bucht. Man hat
das
Gefühl, in einem alten Landhaus am See zu sein. Auf dem
massiven
Holztisch serviert die Hausherrin Kürbissuppe, es ist
Mittagszeit.
Immer wieder ist das Ehepaar Bettex in seinem
Haus auf Überbleibsel der
Vergangenheit gestoßen. Da war
zum einen die Verkabelung. "Enorm",
meint Matthias Bettex. Hinter
den Kabeln verlief ein weiterer Schacht mit
einer dazugehörigen
Abhörstation. "Das war wie im Film", sagt der
Psychologe. "Die haben einfach mit dem Presslufthammer in die alten Steine
gebohrt." Da sind sich die beiden einig: Man hat Mitleid mit dem
Haus
bekommen. Unten im Keller fanden sie eine Dunkelzelle, bis zur
Decke mit
Teer gestrichen. Heute ist dort die Vorratskammer des
Hauses. Dann war
da noch der verstopfte Lüftungsschacht: mit
einer Häftlingsjacke zugestopft.
Schon zweimal haben ehemalige
Gefangene die alte Krankenstation besucht.
"Aber leider niemand von
der anderen Seite", so Huberta Bettex von Schenck.
Es gibt einiges,
was sie über das Haus bis jetzt nicht herausfinden konnten.
Der
eine Teil des Kellers war zum Beispiel zugemauert.
Damit die
Fundstücke nicht als Kuriositäten aus Renovierungszeiten in
Vergessenheit geraten, haben die Bettex’ im Keller einen Gedenkraum
eingerichtet. Sie nennen ihn den "Raum der Stille". Vorne – wie
zum Altar
errichtet – liegt unter der niedrigen Deckenwölbung
die schwere Eisentür,
die die beiden Kellerteile einst
voneinander trennte. Daran lehnt eine
Stacheldrahtrolle, die beim
Ausräumen im Keller vergessen wurde. Auf dem
Boden stehen Kerzen
in verschiedenen Größen und Farben. Bettex von
Schenck
zeigt auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes: "Der hier soll immer
frei bleiben." Der Platz ist für alle Menschen gedacht, denen
hier Unrecht
angetan wurde, sagt sie.

