"Gedenkstätte und Lernort für NS-Opfer mit dem Stigma 'asozial' einrichten" (Pressemitteilung)
Der Arbeitskreis "Marginalisierte - gestern und heute!" ist fassungslos, dass die Bundesregierung sich in der Beantwortung der kleinen Anfrage "Gedenken und Erinnerung an die Aktion 'Arbeitsscheu Reich' 1938" auf den Standpunkt stellt: Wir wissen nichts und wollen nichts wissen.
Zehntausende NS-Opfer der im Jahr 1938 durchgeführten Aktion
"Arbeitsscheu Reich" wurden als "Asoziale" überwacht, verfolgt, in
Konzentrationslager eingesperrt und an Körper und Seele gequält. Viele
von ihnen wurden sterilisiert und so der Möglichkeit beraubt, eigene
Kinder zu zeugen bzw. zu gebären. Öffentlich rehabilitiert und
angemessen entschädigt wurden sie niemals.
Nicht selten sahen sich als "asozial" gebrandmarkte Opfer, die die
Stätten des Grauens überlebt hatten, im Jahr 1945 Behördenangestellten
gegenübersitzen, die ihre Einweisung in ein Konzentrationslager
verantworten hatten. Das Stigma "Asozial" verwehrte den Opfern seitdem
jedwede Zukunftsperspektive. Noch heute prozessieren sie ihren Akten
hinterher, da diese für sie nicht einsehbar in Bundes- und
Länderarchiven fest verschlossen lagern.
Überhaupt nur 205 Opfer der Aktion "Arbeitscheu Reich" erhielten nach
eigenem engagierten Einsatz Einmalzahlungen in Höhe von 2.554,46 Euro
(5.000 DM) nach dem Allgemeinen Kriegsfolgengesetz. Zahlungen aus dem
Bundesentschädigungsgesetz blieben ihnen in den 1950er Jahren verwehrt.
Ein Opferfonds für sogenannte Asoziale wurde nie eingerichtet.
Die schwarz-rote Bundesregierung antwortet auf die Kleine Anfrage der
Fraktion DIE LINKE (BT-Drs. 16/94059): "Das geltende System der
Entschädigungen für NS-Unrecht entspricht den Anforderungen". Will die
Bundesregierung auch heute keinen Finger rühren?
Als Arbeitskreis "Marginalisierte – gestern und heute!" fordern wir eine
öffentliche Rehabilitation der Opfer der Aktion "Arbeitsscheu Reich",
die Entfernung der Stigmata aus den Akten sowie eine angemessene
Entschädigung durch den Bund.
Wir unterstützen die Aktivitäten in Berlin zur Erforschung der
ehemaligen Rummelsburger Arbeitshäuser und schlagen vor, dort ein "Museum zur sozialen Unangepasstheit" als europäische museale
Gedenkstätte und als Lernort zur "Menschenrechtspflege" einzurichten.
Berlin, 2. Juli 2008
Anfrage dokumentierte unter:
http://marginalisierte.de/kleine_anfrage_und_antwort_der_bundesregierung

