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Gedenken an die "Asozialen" an den früheren Rummelsburger Arbeitshäusern (Redeauszüge)

In der zweite Welle der Aktion "Arbeitsscheu Reich" verschleppten am 13. Juni 1938  Kripobeamte und Gestapo Tausende von Menschen in die Konzentrationslager - aus Arbeitshäusern, Obdachlosenasylen, von der Straße. Am Ende traf es 10.000 Menschen, so genannte "Asoziale".

70 Jahre später, am 13. Juni 2008, verneigte sich Dieter Glietsch, Polizeipräsident von Berlin und Vorgesetzter der Kriminalpolizei, vor denen "die als 'Asoziale' stigmatisiert und damals polizeilich verfolgt wurden". Mit ihm nahmen 60 BürgerInnen an der Gedenkveranstaltung des Arbeitskreises "Marginalisierte - gestern und heute" vor dem ehemaligen Arbeitshaus Berlin-Rummelsburg teil, die Hälfte in grüner Polizeiuniform, darunter 25 Polizeischüler und -schülerinnen.

Wir dokumentieren hier Auszüge der Reden, die bei dieser Gedenkstunde gehalten wurden.

 

Katrin FramkeKatrin Framke

Bezirksstadträtin für Kultur im Bezirk Berlin-Lichtenberg

"Die Anstalt Rummelsburg wurde als Nachfolgebau des städtischen Arbeitshauses am Alexanderplatz errichtet, das längst zu eng geworden war und dessen Abläufe sich offensichtlich zu dicht vor den Augen der Bürger vollzogen. In Rummelsburg verfügte der Berliner Magistrat über eigene Grundstücke; außerdem konnten die Insassen hier weitge­hend von der Gesellschaft isoliert verwahrt und weggeschlossen werden."

"Die architekturgeschichtliche Bedeutung des Gesamtkomplexes und seine für damalige Verhältnisse moderne Einstufung dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, das auch in dieser Anstalt der Disziplinierungs- und Strafcharakter gegenüber sozialen Außenseitern im Vordergrund stand. Wer hierher kam, gehörte zum unteren Rand der Gesellschaft."

"Während der Nazizeit diente das Arbeitshaus der Unterdrückung und dem 'Zwangsarbeitseinsatz' von Minderheiten, verschärft wurde vor allem der Zwang gegen die sogenannten Asozialen. Ausgeschlossen aus der sog. 'Volksgemeinschaft' konnte ihre Verfolgung auf bestehende Diskriminierungen aufbauen. Im Arbeitshaus Rummelsburg wurden Sonderabteilungen mit Einzelunterbringung eingerichtet, Arrest für Homo­sexuelle und 'psychisch Abwegige' sowie ein Bewahrungshaus für 'Asoziale' und eine Sonderabteilung für jüdische Personen."

"Die Anstalt, die nach 1933 stetig um Hunderte von Personen überbelegt war, erreichte Ende 1939 eine Belegungsstärke von teilweise über 2.000 Menschen in einem Alter zwischen 18 und 91 Jahren. Ihre Namen und Schicksale sind heute weitgehend unbekannt und vergessen."

"Unter Beteiligung der Kriminalpolizei und mit Billigung weiter Teile der deutschen Bevölkerung wurden allein am 13.6.1938 über 10.000 Personen als sogenannte Asoziale verhaftet und verschleppt. Ein Ausgangsort dieser Aktion war das 1879 erbaute Arbeitshaus in Rummelsburg [...]"

"Das Bezirksamt Lichtenberg und die ganz überwiegende Mehrheit der Bezirksverordneten sind sich einig und entschlossen, die Geschichte des ehemaligen Städtischen Arbeitshauses nicht dem Vergessen anheim fallen zu lassen. Beschlossene Sache im Bezirk ist die Aufstellung einer Erinnerungstafel, die über die wechselvolle Geschichte des Areals informiert. In Kooperation mit dem AK 'Marginalisierte - gestern und heute' - sowie dem Verein Aktives Museum werden Geschichte, Architektur und politische und soziale Hintergründe des Arbeitshauses erforscht."


Hans CoppiHans Coppi

Berliner Vorsitzender des Verbands der Verfolgten des Naziregime - Bund der Antifaschisten

"Allein in das KZ Sachsenhausen wurden zwischen dem 16. und dem 23. Juni über 6.000 Menschen eingeliefert, als 'Asoziale' registriert und mit einem braunen Winkel an der Häftlingskleidung gekennzeichnet, der später durch einen schwarzen Winkel ersetzt wurde."

"Die Aktion 'Arbeitsscheu' traf Menschen, die lediglich auf Grund ihres sozialen Status oder ihres Sozialverhaltens als biologisch minderwertig und gefährlich für die rassebiologisch definierte 'Volksgemeinschaft' und als 'Volksschädlinge' eingestuft wurden."

"Nach der Befreiung hatten die Überlebenden der Aktion 'Arbeitsscheu' keine Lobby. Ihre Stigmatisierung wirkte weiter, auch unter denen, die mit ihnen Lebens- und Leidenszeit in den Konzentrationslagern geteilt hatten. 'Asozial' war in den frühen Nachkriegsjahren ein Ausschließungsgrund, als Opfer des Faschismus anerkannt zu werden und die damit verbundenen sozialen Hilfen zu erhalten. "

"Nichts gelernt aus der Geschichte haben Politiker, wenn sie zur Begründung der Senkung von Sozialleistung Menschen als 'Sozialschmarotzer' bezeichnen. Dies, aber auch Ausmaß, Form und Folgen rechtsextremistischer Gewalt gegen Obdachlose, Sozialhilfeempfänger und Angehörige anderer gesellschaftlicher Randgruppen seit 1990 zeugen von der bestürzenden Aktualität des Gedenkens und Erinnerns an die Opfer nazistischer Rassepolitik. Die Würde und manchmal sogar das Leben von Menschen, die heute ausgegrenzt und am Rande der Gesellschaft leben, müssen geschützt werden. Ihnen gilt nicht nur unsere Achtung, sondern auch unsere tätige Solidarität. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit!"


Dieter GlietschDieter Glietsch

Polizeipräsident von Berlin

"Mit der Schaffung des umfassend weisungsbefugten Reichskriminalpolizeiamtes und seiner Kripoleitstellen und Kripostellen entsteht in ganz Deutschland ein feinmaschiges Netz zur Verfolgung der als 'Asoziale' stigmatisierten Opfer.
Die rassistische SS ist von nun an mit der deutschen Polizei aufs Engste verwoben."

"Der Erlass des Reichsministeriums des Innern [...] vom 14. Dezember 1937 gestattet den Kripoleitstellen vor Ort, alle im Sinne der NS-Ideologie als 'asozial' klassifizierten Menschen nicht nur wie bisher durch gezielte Verhaltensauflagen zu überwachen, sondern durch die Ausweitung des Instituts der so genannten Vorbeugungshaft dürfen sie jetzt auch in Konzentrationslager deportiert werden."

"Ausgrenzung und Verfolgung und die Verstrickung der Polizei in die nationalsozialistischen Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung daran muss wach gehalten werden, auch und gerade in der Polizei."

"Vor dem Hintergrund der Rolle, die die Polizei in der nationalsozialistischen Gewaltherr­schaft gespielt hat, müssen wir in der Aus- und Fortbildung unserer jungen Kolleginnen und Kollegen Einstellungen, Überzeugungen und Werte vermitteln, die über Fakten­wissen zu gesellschaftlichen Themen weit hinausgehen."

"Ein geflügeltes Wort besagt, dass humane Gesellschaften und Staaten daran zu erkennen sind, wie sie ihre Behinderten behandeln; man kann hinzufügen: Auch wie sie mit ihren Gestrandeten, Überforderten und Unangepassten umgehen."

"Für Polizisten ist dies nicht nur von Bedeutung, weil sie Staatsbürger sind, sondern weil sie als Berufsgruppe die Folgen von Armut und sozialer Ausgrenzung täglich auf der Straße erleben."

"Es geht vor allem anderen um die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die von Polizeibeamten nicht nur zu achten, sondern auch zu schützen ist, und zwar gegen jede Form der Missachtung oder Verletzung und gegenüber jedermann. Gerade die Menschen, die in der bürgerlichen Leistungsgesellschaft nicht mithalten können oder die ihr nach vielen vergeblichen Anläufen den Rücken gekehrt haben, sind nicht selten der Gefahr ausgesetzt, in ihrer Menschenwürde verletzt zu werden. Sie haben deshalb auch einen besonderen Anspruch darauf, dass in der Ausbildung, in der Fortbildung und in der Führung der Polizei alles getan wird, was nötig ist, um Abstumpfungsprozessen und Verrohungstendenzen entgegenzuwirken."

"Wer in der polizeilichen Aus- und Fortbildung die Bedeutung des Verfassungsgrundsatzes der Unantastbarkeit der Menschenwürde glaubhaft vermitteln will, um Sensibilität für die Gefahren des polizeilichen Alltags zu erreichen, der muss darüber sprechen, wie schnell, wie leicht, wie weit sich in unserer Vergangenheit Menschen im Polizeiberuf von der übergesetzlichen Verpflichtung entfernt haben, die Würde des Menschen zu achten und zu schützen."

André SchmitzAndré Schmitz

Kulturstaatssekretär beim Berliner Senat

"Bürgerschaftliches Engagement hat zur Gründung von Gedenkstätten und der Errichtung von Denkmälern geführt, die einzelnen Opfergruppen gewidmet wurden, wie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Denkmal für die verfolgten Homosexuellen, die Sinti und Roma und demnächst auch die Opfer der sogenannten 'T 4'-Aktion gegen kranke und behinderte Menschen."

"Das Beispiel des Denkmals für die homosexuellen NS-Opfers zeigt, dass es einer gesellschaftlichen Akzeptanz, man könnte auch sagen 'Reife' bedarf, bis ein solches Anliegen von einem individuellem zu einem gesellschaftlichen wird [...]."

"Opfergruppen wie die Homosexuellen, die Sinti und Roma aber auch - und darum geht es hier - die 'Unbehausten', 'Nichtsesshaften', die schon immer für weite Teile der Gesellschaft wegen ihrer anderen Lebensweise verdächtig waren und mit festgefügten Vorurteilen bedacht wurden, waren schon lange vor den Nationalsozialisten diskriminiert und verfolgt."

"Erinnern ist ein aktiver Prozess und wir müssen uns immer wieder neu befragen, wo wir heute in dem Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu ausgegrenzten und verdrängten Minderheiten stehen. Ob wirklich unsere Haltung und unserer Handeln diesen gegenüber so grundsätzlich anders ist, ob sich eine solche Verfolgung nicht auch heute ereignen kann oder ob dies immer wieder 'nur' Einzelfälle sind, wenn junge Menschen Obdachlose angreifen und verletzen. Wer sich der Geschichte nicht bewusst ist, kann die Zukunft nicht bewältigen heißt es geschichtsphilosophisch [...]."

Thomas IrmerThomas Irmer

Historiker

"Eine Projektgruppe des Vereins 'Aktives Museum' und des 'Museums Lichtenberg' will die Geschichte weiter erforschen und plant außerdem eine Ausstellung zur Geschichte des Arbeitshaus Rummelsburg."

"Darüber hinaus möchte ich vorschlagen, dass man auch hier vor Ort dauerhaft eine Gedenktafel errichtet und vielleicht die übrig gebliebenen Gebäude für eine vertiefte Auseinandersetzung nutzen kann."

"Der Umgang mit Menschen, die als sogenannte Randgruppen gelten, oder die den gesellschaftlichen Normen nicht genügen wollen oder können, ist der Gradmesser für eine Humanität der Gesellschaft."

"Die wichtigste Lehre und Konsequenz, die wir aus dem Verfolgen der sogenannten Asozialen in der NS-Zeit ziehen können, ist einfach, kategorisch und universell: Der Respekt vor dem Einzelnen darf uns nie verloren gehen. Gerade auch dann nicht, wenn sich eine Gesellschaft in Umbrüchen oder Krisen befindet."

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